An den vier Enden der Welt
An den vier Enden der Welt
Die Domaine Gresser im Elsass: charakterstarke, wohlschmeckende und hochwertige Terroirweine aus biodynamischem Weinbau im Andlautal
Es gibt nicht viele Weingüter in der Weinwelt, die so sorgfältig, so kompetent und so vorbildlich mit der Natur umgehen wie das Weingut Gresser im Elsass. Remy Gresser führt vor, wie man im biodynamischen Weinbau das Zusammenspiel von Terroir und Rebe respektvoll und klug nutzt und charakterstarke, wohlschmeckende und hochwertige Spitzenweine macht. Und das nicht, um modischen Trend zu folgen, sondern aus Überzeugung und mit Leidenschaft – und das seit Jahrzehnten.

Die Domaine Gresser liegt mitten in der beschaulichen Ortschaft Andlau, auf halbem Weg zwischen Straßburg und Colmar südlich des Odilienbergs an der Elsässer Weinstraße. Um den Ort herum erstrecken sich tiefe Wälder und endlose Weinberge mit berühmten Elsässer Grand Cru Lagen. Im Familienhaus mit beeindruckendem Blick auf die Abtei von Andlau gibt es einen Verkostungskeller, wo die Gressers gerne Besucher empfangen, die auch durch Weinberge und Keller geführt werden. 1667 erbaute Georg Gresser das Haus und ließ als Beweis seines Berufs seine Initialen, einen Weinstock, Trauben und ein Gartenmesser in den Schlussstein der Veranda meißeln.


Im Weinberg geht es Familie Gresser darum, die Vitalität der Rebe zu stärken und zu erhalten. Sie soll sich wohlfühlen und ungestört wachsen. Ganz konkret wird der Maschineneinsatz und damit die Bodenverdichtung reduziert, bestehende Bewässerungshilfen wie Mauern und natürliche Zuflüsse werden erhalten, die Tierwelt wird geschützt, die Bodenbiodiversität gepflegt und die Grasbedeckung gefördert, um Wasserkonkurrenz mit den Reben zu vermeiden. Das alles kann aber nur erfolgreich sein, wenn das gesamte Ökosystem um die Rebe herum im Weinberg resilent, also widerstandsfähig und anpassungsfähig gemacht wird, zumal sich der Wettbewerb um Wasser durch die Klimaveränderung verschärft – nicht nur für die Menschheit, sondern erst recht für die Natur. Es gilt, das organische Leben um den Rebstock herum zu animieren, die Rebarbeit zu unterstützen und nicht zu sabotieren. Das bedeutet nicht nur gute Käfer gegen böse Käfer, sondern auch förderliche Flora gegen destruktive Flora. Man muss sich das der Natur innewohnende Streben nach Gleichgewicht mit ihren eigenen Methoden zu Nutze machen und es nicht mit alchemistischen Brutalitäten zerstören. Schließlich weiß doch jeder Gärtner, dass gegen Unkraut Umgraben hilft, wodurch die Unkräuter der Humusproduktion zugeführt werden. Obendrein wird der Boden auflockert, was wiederum die Infiltration des Wassers fördert. Anders als im Gartenbau ist Unkraut – solange es dem Rebstock nicht das Wasser wegschnappt – im Weinberg in Maßen durchaus willkommen, weil es untergegraben der Humusversorgung der Rebe dient.

Im Keller werden einheimische Hefen eingesetzt, im Katalog der unzähligen Hilfsstoffe wird nur selten geblättert, der Wasserverbrauch wird kontrolliert. Alle Vorgänge sind darauf ausgerichtet, die Eigenschaften der Trauben und ihren sensorischen Reichtum authentisch in die Flasche zu bringen. Bei der Abfüllung werden aus überzeugter Umweltverbundenheit Korkverschlüsse eingesetzt, um den Korkeichen einen Lebensraum zu bieten und dazu beizutragen, die Wälder rund um das Mittelmeer zu erhalten und Brände einzudämmen.
Das Weingut bewirtschaftet gut 11 Hektar Rebfläche in der Umgebung von Andlau und Eichhoffen. Die Weinberge liegen in den Grand Cru d’Alsace-Lagen Kastelberg Wiebelsberg und Moenchberg und in den Cru d’Alsace-Lagen Brandhof, Duttenberg, Saint-André, Kritt und Clos de l'Ourse.

Hinzukommt, dass die Böden im Andlautal eine einzigartige Gesteinsvielfalt aufweisen, weil hier eine geologische Bruchlinie verläuft. Das reicht von Sand, Kies, Ton und Lehm über Muschelkalk und Kalk bis zu Buntsandstein und Schiefer. Das Elsass ist zudem die einzige französische Weinbauregion mit kontinentalem Klima, mit vier ausgeprägten Jahreszeiten unter dem Schutz durch die Vogesen. Die Sommer sind sehr warm und durchweg sonnig, die Winter sind sehr kalt mit häufigen Frosttagen. All das begünstigt Rebsorten mit sehr dicker Schale und damit starkem Aromapotenzial.
Angebaut werden in der Domaine Gresser zu etwa 45 % Riesling, dann folgen Gewürztraminer, Pinot Blanc Pinot Gris, Sylvaner und Muskateller. Als rote Rebsorte ist Pinot Noir angepflanzt. Ohne sich in Linien festzulegen, macht Rémy Gresser daraus verschiedene Richtungen Rebsortenweine aus Einzellagen – trocken, fein und fruchtig die einen, reichhaltig, opulent und großzügig die anderen, seidig und süß die seltenen Spätlesen und die außergewöhnlichen Auslesen. Dazu gibt es einen Orange Wine und einen Amphorenwein. Selbstverständlich werden auch die für die Region typischen Vendanges Tardives (Spätlesen) und Sélections de Grains Nobles (eine Art Beerenauslese) angeboten. Zwei Crémant d'Alsace und zwei Eaux de vie (Brände) runden das Sortiment ab.
Das Andlautal
Das mittelalterliche Städtchen Andlau südwestlich von Straßburg erstreckt sich am Fuß der Vogesen zwischen dem Odilienberg und der Hohkönigsburg und hat rund 1.800 Einwohner.
Bekannt ist Andlau vor allem durch die Klosterabtei, die 880 von Kaiserin Richard gegründet wurde. Der Legende nach zeigte ihr ein Bär den richtigen Platz dafür. Deshalb steht in der Krypta aus dem Jahr 1045 eine Bärenskulptur. Die Krypta wurde im Elsass aufgrund der dem Bären nachgesagten heiligen Kräfte der wichtigste Wallfahrtsort zur Jungfrau Maria. Das Bild des Bären findet man auch im Stadtwappen, dazu sind mehrere Bärenskulpturen in Andlau zu sehen, etwa der Bär aus rosa Sandstein vor der Abteikirche oder in der Gruppe am gotischen Springbrunnen nahe dem Rathaus. Die Statue des Bären mit Trauben ist ein Werk von Graf Roland von Andlau, das der Stadt von der Bruderschaft der Hospitaliter von Andlau gestiftet wurde, deren Gründungsgroßkanzler Remy Gresser ist. Sein Vater André war Mitglied des Großen Rates der Bruderschaft im Rang eines Kapitelbruders. Was den Bären angeht, so spielte er als Symbol schon vor der Christianisierung eine Hauptrolle in der Gegend von Andlau, weil hier eine keltische Kultstätte der Bärengöttin Artio geweiht war.
Die Klosterabtei lebte sich dann durch das Mittelalter bis 1499 der Benediktinerinnenstift in ein reines Damenstift umgewandelt und Ende des 18. Jahrhunderts wie fast alle Klöster im Zuge der französischen Revolution aufgelöst wurde. Heute bietet Andlau mit der Abteikirche Sainte Richarde, der Burg Spesbourg und der Burg Haut-Andlau ein bedeutendes kulturelles Erbe.
Die Geschichte von Andlau ist eng mit dem Weinbau verbunden: Die weltlichen Herrscher erließen schon im frühen Mittelalter strenge Vorschriften für die Herstellung des reinen Weins, wie die in Stein gemeißelte “Versuchung des Winzers“ über dem Portal der Abteikirche zeigt: Während ein Winzer versucht, seinen Wein zu verwässern, sitzt der Teufel auf dem Fass und hält ihm das Seil um den Hals. Einer der großen Söhne von Andlau hatte auch mit Wein zu tun: Der Militärarzt Dr. Jean-Louis Stoltz wandelte sich zum Ampelographen, also Experten für Reben, und gab 1840 im berühmten Brief an die Winzer wichtige Ratschläge zur Bedeutung der Beziehungen zwischen Terroir und Rebsorte. Kein Winzer hat es seither bereut, den Rat im Bereich der Grands Terroirs befolgt zu haben, schließlich kann ein Ampelograph immer darauf verweisen, dass nach der griechischen Mythologie Ampelos der Gott des Weins ist. 1852 veröffentlichte Dr. Stolz übrigens ein Nachschlagewerk zur Ampelographie und zu den Terroirs des Rheintals.
Wir konnten sechs Weine von der Domaine Gresser verkosten.
2024 Duttenberg Riesling Terroir de Marnes

Mit der vibrierenden Rassigkeit des Rieslings, seiner reifen Verspieltheit, seiner brillanten Frucht, seiner klaren Transparenz, seiner kühlen, markanten Mineralität und seiner einzigartigen Frische gehört dieser harmonische Wein zu den ganz großen Einstiegsweinen im Hause Gresser. Er verbreitet zarte Aromen von grünen Äpfeln, Aprikose und Zitrus mit den herkunftstypischen Düften von steiniger Mineralität. Dazu schweben Anmutungen von weißen Blüten aus dem hellgelb ausgeleuchteten Glas. Der Wein verwöhnt den Gaumen mit seinem konzentrierten Fruchtspiel von Limetten, Birnen, Grapefruit und einem süßlichen Hauch weißer Pfirsiche. Die lebendige Säure und die deutliche und ganz leicht salzige Mineralik begleiten den Wein in einen frischen, saftigen und anhaltenden Abgang. Ein klarer und präziser, fast puristischer trockener Riesling, der mit einem energischen Spannungsbogen sein Terroir vorzeigt und immer wieder zu neuen Geschmackerlebnissen herausfordert. Erfreuen Sie sich und diesen elsässischen Riesling einmal sehr extravagant mit meersalzgewürzten Backkartoffeln mit Speck und kross gebratenen Streifen von Schweinebauch.
2023 Saint-André Pinot Blanc Terroir de Schistes de Ville

In der Nase drängelt sich die Cuvée nicht mit Explosivstoffen, sondern offeriert vornehm dosiert feine Nuancen von frischen Birnen, Quitten, Ananas, Mangos und einigen Zitrusfrüchten. Hinzu kommt ein interessanter vegetabiler und leicht rauchiger Touch. Im Geschmack kommt zu dem fruchtigen Aromenspektrum eine würzige, nussige Note mit etwas Holunder und Mandeln hinzu. Der Wein wirkt dank der gezügelten Säure weich und geschmeidig und bringt neben einer charakterstarken spritzigen Mineralität im Finish auch einigen Schmelz mit. Es ist ein filigraner und spannend komplexer trockener Wein, der perfekt ausbalanciert ist. Begleiten Sie mit ihm ein Kalbfleischragout, er hält aber auch locker ein Steinpilzgericht in Sahnesauce aus. Völlig risikofrei brilliert er zu weißem Spargel mit Kartoffel-Drillingen.
2022 Duttenberg Sylvaner Terroir de Marnes

Der Duttenberg Sylvaner funkelt im Glas in einem hellen Strohgelb mit grünlich schimmernden Rändern. Nicht stürmisch, aber intensiv offeriert er sein Frucht-Bukett von grünen Äpfeln, Limetten, grünen Kiwis und reifen Birnen, dazu einen Hauch Pfirsich und weiße Blüten. Am Gaumen korrespondiert die saftige Fruchtigkeit harmonisch mit der resoluten, gut passenden Mineralik. Zu den Aromafrüchten kommen sanfte Töne von Melone und Ananas hinzu nebst einer Andeutung von Honig und Nüssen. Die pikante, aber milde Säure, baut einen faszinierenden Spannungsbogen zum konzentrierten Körper auf. Sie trägt die intensive mineralische Frische in den herrlich cremigen Abgang und sorgt – bei aller Komplexität – für einen unvergleichlichen saftigen Schwung. Ein universeller und doch eleganter trockener Trinkwein auf hohem Niveau, der allerlei Leckereien aus der Küche eskortieren kann– zum Beispiel einen Elsässer Flammkuchen, ein Perlhuhn aus dem Rohr oder kurz gebratene Jakobsmuscheln.
2020 Kastelberg Riesling AOC Alsace Grand Cru Terroir de Schistes de Steige

Wir erduften Äpfel, weiße Pfirsiche und junge gelbe Pflaumen mit der im Riesling allgegenwärtigen Zitrusnote, alles in einem schönen mineralischen Rahmen. Mit zunehmender Öffnung kommen einige Kräuter und leichte vegetabile Anklänge und eine winzige Petrolnote hinzu, während sich die Mineralik auf einen deutlichen Touch von Schiefergestein fokussiert. Schon in der Nase imponieren sowohl die klare und präzise Reinheit und Transparenz als auch die überraschende Komplexität. Der Mund füllt sich mit herrlichen reifen Pfirsichen, diesmal eher Typ Weinbergpfirsich. Dazu tauchen eine Zitrusfruchtigkeit mit Grapefruitbetonung und eine Apfelnote auf zusammen mit floralen Richtungen. Allgegenwärtig ist auch am Gaumen die einzigartige mineralische Begleitung vom Schiefer. Eine quicklebendige Säure hält die seidige Fruchtsüße des Rieslings ordentlich in Schach. Ein körperreicher, energiegeladener und gradliniger Wein, der mit seiner tragenden, modern salzigen Mineralität auch im langen Abgang nachhaltige Saftigkeit und Frische vermittelt. Das ist die ultimative und hochelegante Eskorte für eine Heilbutt-Tarte mit Basilikumdip oder für einen Hummercocktail auf Orangen-Chicoréesalat.
2019 Moenchberg Gewürztraminer AOC Alsace Grand Cru Terroir de Grès du Mont-Sainte-Odile

Wir haben einen halbtrockenen Wein im Glas, was perfekt zur Rebsorte passt. Einen Gewürztraminer zu bestocken ist auch im Elsass, wo er eine lange Tradition hat, ein spannendes Abenteuer, das Mut und Hartnäckigkeit erfordert, aber auch den Lohn der Angst bringt. Die Rebsorte ist äußerst zickig, was den Boden und die Verrieselungsneigung angeht, deshalb schwanken die Erträge in den Jahrgängen sehr stark. Oftmals ist das „bisschen“, was dann am Stock hängt, ein Öchsleknaller, wenn spät geerntet wird. Jedenfalls eignen sich die Gewürztraminer Reben immer dazu, einen hochwertigen Wein auszubauen, auch im halbtrockenen Bereich.
Kaum ist der Moenchberg Gewürztraminer goldgelb im Glas, schon entfalten sich die Aromen: Ein großer Strauß leicht süßlicher Gewürze aus der orientalischen Küche, dazu ein Korb heimischer und exotischer Früchte mit Aprikosen, Litschis und Maracujas. Wir erahnen auch Rosen und Veilchen nebst einem Hauch Bittermandeln. Alles kommt distinguiert in die Nase, niemand drängelt vor oder trumpft unangemessen auf. Das Aromengemälde setzt sich am Gaumen fort, ohne auch hier aufdringlich zu werden. Der Wein ist konzentriert und rein-fruchtig, aber auf keinen Fall marmeladig oder übersatt. Alles ist gut austariert und mit Finesse eingebunden in den starken mineralischen Rahmen und eine sortentypisch eher milde Säure. Mit nachhaltiger aromatischer Intensität tritt er sanftmütig ab, getragen von einer schönen Würze und einer feinen Fruchtigkeit. Ein kraftvoller, körperreicher und lupenreiner Gewürztraminer mit höchster Eleganz. Er macht sich gut als einschmeichelnder Aperitif oder zu einem thailändisch gewürzten Hähnchenbrustfilet. Er ist aber auch eine einwandfreie, klassische Eskorte für einen Red Snapper in Kokos-Mango-Soße oder einen uralten holländischen Kumin-Gouda.
2017 Wiebelsberg Pinot Gris AOC Alsace Grand Cru

In der Nase tummeln sich in einem intensiven und komplexen Aromenspektrum reife gelbe Birnen und Äpfel, Honigmelonen, einige Gewürze und sogar ein Hauch von Mandeln und getrockneten Feigen. Wir schmecken komplexe Aromen von exotischen Früchten wie Ananas, Passionsfrucht, Papaya und etwas Mango, dazu eine feine süßliche bis leicht rauchige Würze und einen vegetabilen Touch von Akazien. Eingebettet sind die Geschmacksaromen in die deutliche terroirbetonte Mineralik und in eine angemessene Säure, die einen langen schmelzigen, reichhaltigen und frisch-fruchtigen Abgang eskortieren. Ein eleganter, vollmundiger und tiefgründiger Pinot Gris, der dank der terroirbezogenen und qualitätsbetonten Vinifizierung eine ganz individuelle Richtung einschlägt und ein enormes Lagerpotenzial für weitere Jahre mitbringt. Das ist der flüssige Berater im entspannten Gespräch, er steht aber auch richtig auf dem Tisch für ein elsässisches Choucroute oder eine herbstliche Pfifferlingspfanne.
06.10.2025
Fotos: © Domaine Gresser